Arzt aus Leidenschaft
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Ein Klassenkamerad mit einem glatten 1,0-Abitur wollte damals Medizin studieren. Er war ein sehr intelligenter Kopf, aber der Letzte, dem dieser Beruf liegen könnte. Er hatte oft das Gemüt eines Fleischerhundes, trat ins Fettnäpfchen, so oft es nur ging, und meinte es nie böse. Psychologisches Geschick, Talente im Umgang mit Menschen, speziell welchen in Verzweiflungssituationen, besaß er kaum. Und sowohl das Fein- als auch das Grobmotorische lagen ihm absolut nicht. Wir hatten damals eine Studienberatung und er erzählte mir, dass der Berater ihm vom Medizinstudium absolut abgeraten hätte. Das hatte ich mir schon zuvor gedacht. Viele andere Studiengänge, für die ich absolut fehl am Platze gewesen wäre, hätten zu ihm gepasst. Mathematik beispielsweise, da konnte ihm kaum jemand etwas vormachen. Oder auch Literatur oder Germanistik. Er wollte aber Medizin studieren, und die Gründe waren meiner Meinung nach lachhaft. Ihm ging es darum, mit seinem guten Schnitt etwas zu studieren, dass man bei uns nur mit einem guten Schnitt studieren kann. Zu zeigen: Das kann nicht jeder. Und das doch recht hohe Ansehen von Ärzten bei Frauen war auch einer der Gründe.
Wir hatten nun Klassentreffen - unser erstes Treffen nach dem Abi damals - und er ist noch Student, da er das Medizinstudium irgendwann im 10. Semester hat sausenlassen. Er konnte keine Wunden sehen, bekam Panik bei den kleinsten Verbänden, war mit trauernden Angehörigen überfordert. Danach hatte er eine "Findungsphase" und hat sich jetzt für BWL entschieden. Ich drücke die Daumen, aber ich beichte, dass ich doch innerlich recht schadenfroh war.