Opa liegt im Sterben

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Verzweiflung Ignoranz Tod Familie

Mein Opa ist vor einem Monat gestorben. Ich (w/28) muss beichten, dass ich nie wirklich eine gute Enkelin war. Ich war sehr selten zu Besuch und viel mit mir und meiner Depression und meinem Studium beschäftigt. Ich habe es immer gehasst, auf Geburtstagsfeiern zu gehen, die gemeinsamen Jugendherbergswochenenden, wo ich mal nicht Pokemon spielen oder im Internet surfen konnte. Dann, vor etwa fünf Jahren, habe ich versucht, an unserem Verhältnis zu arbeiten. Ich kam öfters zu Besuch und habe versucht, mit ihm und meiner Stiefoma eine wirkliche Beziehung aufzubauen. Das war eher von einem mittelprächtigen Erfolg gekrönt, da es auch mit seiner Gesundheit stetig bergab ging und natürlich die Stiefenkelkinder viel öfter da waren und ihm Gesellschaft leisteten, als meine Schwester und ich. Ihnen hat er Schnitzen beigebracht und generell haben sie mehr Zeit mit ihm verbracht, als ich in meiner Kindheit. Das ist meine eigene Schuld, das weiß ich. Ich habe dann versucht, über seine Frau einen engeren Kontakt zu ihm aufzubauen. Sie war eigentlich ganz in Ordnung. Sie hat versucht, mir Kochen, Nähen, Häkeln und Stricken beizubringen. Von all den Sachen habe ich nur behalten, wie man eine gescheite Reispfanne macht und wie man einen Knopf annäht. Das war es.

Dann haben vor vier Jahren seine Nieren schlappgemacht und ich habe das erste Mal die Nachricht von meinem Vater bekommen "Der Opa liegt im Sterben." Mir wurde heiß und kalt. Ich habe sofort meine sieben Sachen gepackt, den Job links liegen lassen und bin schnell ins Krankenhaus gefahren, wo er wirklich erstaunt war, mich zu sehen. Das hat mir schon einen Schock verpasst, weil ich eigentlich dachte, dass er weiß, dass er mir viel bedeutet. Naja, das Ganze wiederholte sich... Ich bekam zwei Mal pro Jahr die Meldung, dass Opa im Sterben lag, und stumpfte immer mehr ab. Ich besuchte ihn vier Mal im Krankenhaus, mal zu seinem Geburtstag und das war es.

Dann zogen sie um in eine behindertengerechte Wohnung. Mein Freund half beim Umzug, ich musste arbeiten und wollte deswegen nicht extra Urlaub einreichen. Vor zwei Monaten hatte er Geburtstag und ich habe vergessen, ihm zu gratulieren, obwohl mich meine Mutter immer wieder daran erinnert hat. Gratuliert habe ich fünf Tage später und zurück kam nur ein kurzes Danke für die Glückwünsche, mehr nicht. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. Dann, zwei Wochen später, die Nachricht meines Vaters: "Ja, Opa liegt im Sterben, wir glauben nicht, dass er morgen noch schafft." Ich wollte wieder alles stehen und liegen lassen und sofort nach Hause fahren, aber meine Eltern waren dagegen und waren der Ansicht, dass das den Kindern überlassen bleiben sollte. Also blieb ich, obwohl es nur eine 4-Stundenfahrt für mich gewesen wäre. Und er starb.

Am nächsten Tag war ich kaum einsatzfähig. Ich machte mir wegen jedem Mist Vorwürfe. Warum hatte ich ihm nicht zum Geburtstag gratuliert? Warum war ich als Kind nicht öfters da? Warum war ich trotz Arbeit nicht öfters zu Besuch? Heute war schließlich die Beerdigung. Ich bin am Grab komplett zusammengebrochen und mein Vater musste mich wegzerren. Die Frau meines Opas hat mir und meiner Schwester dann Vorwürfe gemacht, warum wir die beiden nicht in ihrer neuen Wohnung besucht haben. Meine Schwester hat leichten Autismus, ihr geht es am Allerwertesten vorbei. Mir hat das aber zusätzlich zu meinen Selbstvorwürfen stark zugesetzt, weil ich mir so etwas immer zu Herzen nehme.

Jetzt sitze ich hier, nach der Beerdigung, eine halbe Flasche Wodka intus, mit Selbstvorwürfen und versuche mich dazu aufzuraffen, zu meinem verbliebenen Opa und seiner neuen Frau ein halbwegs vernünftiges Verhältnis aufzubauen, wobei ich beide nicht wirklich leiden kann, immer mit dem Hintergedanken, dass es mir leidtun wird, wenn mein Opa tot ist. Zusammengefasst meine Beichte: Ich bin der schlimmste Enkel, den man haben kann. Ich bin unfähig Gefühle zu zeigen, außer es ist zu spät. Es tat gut, das niederzuschreiben.

Beichthaus.com Beichte #00039075 vom 16.12.2016 um 20:59:12 Uhr (13 Kommentare)

Kommentare der Beichthaus-Bewohner

Gauloises19

Da hast du die Chance verpasst. Aus dem Text geht nicht wirklich hervor, wie sehr er dir am Herzen lag und euer familiäres Gefüge ist sehr diffus, daher lässt sich die Sache schwer beurteilen.
Tut mir leid wegen des Verlustes.

17.12.2016, 13:39 Uhr     melden


carassi

Ich bin Autistin, mir wäre es nicht egal gewesen, so etwas zu hören.. man hätte es mir aber nicht angemerkt. Abgesehen davon, sowas sagt man nicht auf einer Beerdigung..
Dazu, ein funktionierendes Verhältnis zwischen Opa und Enkel aufzubauen, gehören zwei. Deiner Beschreibung klingt, als wärt ihr beide euch einig gewesen, dass ein lockeres Verhältnis doch eigentlich reicht. Jedenfalls redest du nicht davon, dass er auf dich zugegangen wäre, dass er dich eingeladen hat, dass er sich bei dir gemeldet hätte.

17.12.2016, 15:37 Uhr     melden


Honigbienchen

Klingt mir alles irgendwie komisch. Warum hast du dich denn nun nicht zu seinen Lebzeiten mehr gekümmert?

17.12.2016, 15:49 Uhr     melden


Schnupfenbazillus

Inwiefern mehr gekümmert? Ich habe ja versucht mich mehr einzubringen, aber ich denke, es war einfach zu spät. In meinen Teenagerjahren hatte ich einfach kein Interesse. Das war dumm, das ist mir nun auch klar. Von seiner Seite kam allerdings auch nicht viel, da er insgesamt 14 Enkel hatte und es unmöglich war für alle gleich da zu sein. Außerdem wohne ich ein ganzes Stück weit weg, weshalb ich auch nicht mal eben vorbei kommen konnte...

17.12.2016, 15:58 Uhr     melden


Ragno

Mein Beileid erstmal! Ja es ist schwer, wenn man seinen Großvater verliert. Aber man sollte sich auch keine Vorwürfe machen. Du warst für ihn da, wie Du es konntest. Vor allem, da die Entfernung auch nicht gerade die Kürzeste ist. Du warst vorher immer da, als es ihm schlechter ging bzw. man dachte er stirbt. Nun warst es einmal nicht und dann gibt es gleich die Breitseite seiner Frau? Damals hattest zudem studiert und viel Stress, dass es nur klar ist, dass man mal was verschwitzt oder keine Lust hat. Du hast getan, was Du konntest.

17.12.2016, 16:20 Uhr     melden



VcS

Muss man denn das perfekte Enkelkind sein? Vor allem wenn der Mann noch zahllose andere Enkel hat? Ich mein, du hast es versucht, er hat es nicht wirklich gewürdigt - damit hättest du es bleiben lassen können. Aber du wolltest anscheinend für deinen Familiensinn wertgeschätzt werden, nur kann man Wertschätzung nicht erzwingen. Besonders bei einem negativ eingestellten Umfeld wie es deine Familie scheinbar ist: Die Eltern meinen, du bräuchtest nicht zum todkranken Opa zu fahren. Dein Vater zerrt dich vom Grab weg. Die Stiefoma flüchtet sich in Vorwürfe. Und du übst dich in Selbstzerfleischung, weil du nicht alles perfekt auf die Reihe bekommst. Was übrigens niemand hinbekommt. Ich finds wichtiger, dass man sich Mühe gibt - und damit leben kann, dass es auch Rückschläge gibt oder dass Aufwand für die Katz ist. Wenn dein Freund eher konstruktiv eingestellt ist, dann kannst du vielleicht einiges von ihm lernen...

17.12.2016, 16:48 Uhr     melden


RelaXxx aus Marburg , Deutschland

Vorwürfe sind da das lässt sich nicht vermeiden. Was ich dir aber sagen kann ist folgendes: Du warst eine gute Enkelin egal was du selber oder irgendjemand anderes denkt. Du hast aus freiem Willen Zeit für deinen Großvater gefunden obwohl du niemals gezwungen warst. Du selber wolltest das so. Ich denke dein Großvater wusste das er dir etwas bedeutet hat auch wenn er es nicht gezeigt hat. Du hast getan was du konntest also gib dir keine Schuld. Wenn meine Großeltern sterben würden dann wäre ich bestimmt nicht mal zur Beerdigung gegangen. Keine Absolution weil du dir deinen Schmerz weg saufen möchtest das ist erbärmlich und führt dich nicht weiter.

17.12.2016, 16:49 Uhr     melden


Bolle84

Mach Dich deswegen nicht so fertig. Du hast mehr für Deinen Opa übrig gehabt und gemacht als so manches Enkelkind. Dein Opa würde sicherlich nicht wollen, dass Dich Vorwurf und Schuld zerfrisst.

17.12.2016, 18:53 Uhr     melden


Mrs.Pinky aus Tijuana

Leider ist es oft so, dass man manches erst bereut, wenn es unwiederbringlich zu spät ist. Aber damit bist du heutzutage vermutlich leider auch nicht alleine..
Meine Oma sagte in den Jahren vor ihrem Tod auch immer, dass sie Verständnis dafür hätte, dass ich so selten zu Besuch ins Heim käme; Job, Familie, Haushalt... Damals fand ich das in Ordnung. Nun, da tot ist, sehe ich das leider auch anders.
Dein Verlust tut mir leid. Vielleicht kannst du versuchen, deinen Opa zu am Friedhof zu besuchen oder ihm einen Brief zu schreiben und ihm deine Gefühle zu erklären. Er hat dich geliebt, ich bin sicher, er würde dir vergeben.

17.12.2016, 19:12 Uhr     melden


geheim92

@Mrs.Pinky sehr schöne Worte

Ich war als Kind sehr oft bei meinen Großeltern. Als ich jedoch ins Teenageralter kam, besuchte ich sie immer weniger.. Irgendwann musste meine Oma ins Krankenhaus und wurde operiert. Ich hatte derzeit Klausurenphase und dachte mir, ich besuch sie wenn es ihr wieder etwas besser geht. Außerdem besuchte meine Mutter, ihre Tochter, sie sehr häufig. Leider starb sie plötzlich an einer Hirnblutung, die nichts mit der OP zu tun hatte.
Bis heute verzeih ich es mir nicht, sie nicht noch ein letztes Mal besucht zu haben.. Dabei mochte ich sie sehr.
Aber in tief in meinem Innern weiß ich, dass sie es verstehen und verziehen hat.
Kinder denken nicht daran, dass ihre Großeltern auf einmal sterben könnten.

Du hast dich im Gegensatz zu mir sehr um deinen Opa gesorgt, als es ihm nicht gut ging. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, als du einmal keine Kraft dazu hattest. Klar hättest du sie öfter besuchen können, aber das eigene Leben ist manchmal so stressig, dass man einfach keine Zeit findet.

17.12.2016, 20:07 Uhr     melden


Graupelgewitter

Soweit ich das verstanden habe, wolltest du zu dem Zeitpunkt wieder ein gutes Verhältnis zu ihm aufbauen als es ihm schon schlecht ging. Dann war der Kontakt mal wieder intensiver und mal wieder nicht, je nachdem, ob er nun fast im Sterben lag oder nicht. Ich vermute mal, dass das Gefühlschaos auf der Beerdigung und die Selbstzweifel / Vorwürfe im Nachhinein mehr der Depression geschuldet sind, als das sie aufrichtig gemeint wären.

Es hört sich nicht so an als hättest du tatsächliches Interesse an deinem nun verstorbenen Opa gehabt. Das "Interesse" ist erst aufgeflackert als du merktest er macht es wohl nicht mehr lange. Und immer, wenn es doch mit ihm weiterging, ging es bei dir auch mit dem Alltag weiter und dein Opa war wieder abgemeldet bis zur nächsten "Er liegt im Sterben"-Botschaft, welche man so schon nicht mehr ernst nehmen konnte. Keine Anrufe? Kein Brief? Für einen kurzen Anruf hat man immer Zeit. Nur muss eben auch das Interesse da sein. Wenn dich deine Mutter oft daran erinnern musste deinem Opa mal eben zum Geburtstag zu gratulieren und du es immer wieder vergisst.. ja mei, dann kann das Interesse an dieser Beziehung nicht besonders groß gewesen sein. Ich verstehe, wenn man einen stressigen Alltag hat. Aber hinzustehen und dann hier in dieser "Mir-doch-egal"-Manier runterzuschreiben (wirklich emotional kam es nicht rüber), dass du eigentlich wenig Bock hattest Kontakt zu deinem Opa zu halten und jetzt im Selbstmitleid zerfließt.. davon halte ich wirklich nicht viel. Vorallem, weil du die gleiche Aktion mit deinen anderen Großeltern ebenfalls abziehen willst.

18.12.2016, 22:28 Uhr     melden


Roflgamer aus Österreich

Ich finde das nicht so schlimm. Menschen leben sich auseinander, egal welchen Verwandschaftsgrades. Ich habe meine Oma 16 Jahre lang nicht gesehen, weil sie in einen anderen Land lebt. Nachdem sie starb, gab es auch ein paar Vorwürfe von anderen Leuten. Habe dann hinterher erfahren, die lebten 20 Minuten Autofahrt von ihr entfernt und haben sie kaum besucht.

19.12.2016, 09:36 Uhr     melden


Sinspiration aus Deutschland

1. gibt es keinen "leichten" Autismus, sondern ein Autismusspektrum, in dem sich manche Leute besser an die neurotypische Welt anpassen können als andere. Und
2. solltest du nicht annehmen, dass die Angelegenheit deiner Schwester "am Arsch vorbei geht", solange sie es nicht genau so selbst gesagt hat. Viele Autisten zeigen ihre Gefühle nicht so wie neurotypische, aber zu behaupten, dass ihnen etwas nicht nahe ginge, nur weil sie auf andere nicht immer so wirken mögen, ist im besten Fall ignorant und im schlimmsten Fall ableistisch.

Ansonsten: Mein Beileid für deinen Verlust.

25.12.2016, 02:15 Uhr     melden


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