Mein Leben als Musiker

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Verzweiflung Begehrlichkeit Selbstsucht Musik

Zuerst einmal zu mir (m/37): Ich spiele seit nun knapp 20 Jahren in einer Metal-Band Gitarre, die in der Szene schon einige Erfolge erzielen konnte. Auch bin ich einer der kreativen Köpfe der Gruppe, also ich bin essenziell am Songwriting, am Schreiben der Texte und an der Produktion der Alben beteiligt. Ich habe die Band als Teenager mit meinen vier Kumpels, die heute noch mit mir gemeinsam in der Band spielen, gegründet und zuerst war es gar nicht geplant, dass wir eine ernsthafte Karriere als Musiker einschlagen, wir spielten als Cover-Band in diversen Clubs und irgendwann meldete sich der Chef einer kleinen Independent-Plattenfirma, der von unserem Auftritt sehr angetan und sehr interessiert war. In unserem jugendlichen Leichtsinn sagten wir natürlich zu und irgendwann hatten wir nach unserem ersten Demo-Album und positiven Resonanzen seitens der Szene das nötige Geld, um unser Debütalbum zu veröffentlichen und wir erspielten uns eine kleine Anhängerschaft auf unserer ersten Deutschlandtour.

Zuerst waren wir sehr aufgeregt und absolut neu in diesem Business, doch irgendwann spielte sich eine Art Routine bei uns ein und wir begannen, unser gesamtes Leben nach der Band zu richten. Der Schneeball, der ins Rollen gebracht wurde, wurde größer und größer und mit jedem Album verkauften wir mehr CDs, mehr Karten, mehr Merchandise und so weiter. Wir brachen alle unsere Ausbildung ab bzw. kündigten unsere Jobs, nachdem wir neben der Musik nicht mehr arbeiten mussten, und blühten in der Szene richtig auf. Wir haben schon mehrere Alben veröffentlicht, und auch wenn wir mit unserer Musik das Rad nicht neu erfunden haben, erreichten wir für eine Band unseres Formats doch beachtliche Platzierungen in den Album-Charts und gelten in der Szene als musikalisch hochwertige Band. Klar gibt es Nörgler, die etwas an unserem Stil auszusetzen haben, aber Rechtmachen kann man es ja nun mal leider niemandem. Nun zu meiner Beichte: Nun sind wir schon seit 20 Jahren eine Band und noch kein einziges Bandmitglied hat die Gruppe verlassen, da wir als Einheit unglaublich stark sind und mit Herzblut an die Sache rangehen.

Doch merke ich langsam, dass dieses Leben, das ich zurzeit lebe, nicht das ist, was ich bis zu meiner Rente machen will. So langsam macht sich doch das Alter bemerkbar und ich merke, dass es für mich langsam schwerer wird, dem ständigen Tour-Album-Tour Rhythmus zu folgen. Ich bin einfach nur noch ausgelaugt und habe ehrlich gesagt keine große Lust, die Band noch weiterzuführen. Allerdings sehe ich keine Möglichkeit, nach meinem Austritt, sollte ich diesen Schritt jemals wagen, wieder in einen Beruf einzusteigen, da ich meine Ausbildung damals zugunsten der Band abgebrochen habe. Und eine kleine Pause von einem oder anderthalb Jahren können wir uns zurzeit auch nicht leisten, da wir gerade an einem neuen Album arbeiten und schon etwas unter Zeitdruck stehen. Die anderen vier zeigen nicht annähernd die Anzeichen der Erschöpfung wie ich und stehen nach knapp 20 Jahren immer noch unter Strom und haben Energie, dass es schon fast pervers ist. Ich finde einfach keinen geeigneten Zeitpunkt, um mich in Ruhe mit meinem Kollegen zusammenzusetzen und ihnen zu sagen, dass ich in meiner derzeitigen Situation unglücklich bin. Ich hatte schon seit mehreren Jahren keine feste Beziehung mehr, da die Arbeit in meiner Band mich zu sehr in Anspruch nimmt, auch mein Wunsch nach dem Aufbauen einer kleinen Familie rückte innerhalb der letzten Jahre immer mehr in den Hintergrund. Meine Eltern und meine Geschwister habe ich auch schon seit knapp einem Jahr nicht mehr gesehen. Auch möchte ich die Band nicht verlassen, da ich die Hälfte meines Lebens an Arbeit und Schweiß und Blut und Tränen in sie gesteckt habe. Es wäre einfach ein riesiges Loch in meinem Herzen, wenn ich plötzlich meine Sachen packen würde und die Band verlassen würde. Auch den Fans, bei denen ich mir schon eine Art Kultstatus erspielt habe, könnte ich das nicht antun. Doch ich weiß: Wenn sich nicht bald etwas ändert, werde ich wohl oder übel eine Entscheidung treffen müssen. Ich beichte hiermit, dass ich mit dem Gedanken spiele, nach 18 Jahren das Schiff zu verlassen, um endlich das zu tun, was ich tun will, auch wenn ich noch nicht weiß, was. Ich bitte um Vergebung.

Beichthaus.com Beichte #00035226 vom 09.03.2015 um 22:55:22 Uhr (8 Kommentare).

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Kommentare der Beichthaus-Bewohner

r-rated-r305

Klingt als bräuchtest du dringend eine Pause. Mit 37 ist man im Musikgeschäft noch nicht alt, Paul Stanley steuert auf die 70 zu und wird seit einigen Monaten sehnsüchtig von mir erwartet.
Die Band verlassen halte ich für keine gute Idee, ich denke nach so langer Zeit kann man schon von Leidenschaft sprechen, und ich denke du musst deine Reserven neu aufladen. Einige Zeit die Band nicht sehen und nichts in Richtung Musik machen, ich wünsche dir viel Glück und hoffe das ihr weiter Tokio Hotel bleibt (war nurn Scherz).

10.03.2015, 15:24 Uhr     melden


G.Now

Nein, Du musst bis zum bitteren Ende durchhalten. Was die Flippers koennen, kannst Du auch.

10.03.2015, 15:27 Uhr     melden


ozelot

Nimm einfach mal ein paar Drogen. Die anderen machen das bestimmt auch. Oder warum fühlen sie sich sonst fit?

10.03.2015, 15:53 Uhr     melden


Zufallsbeichte
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Mr.Goodkat

Für mich hört sich das so an, als würdest du kurz vor dem Burn-Out stehen. Du musst das Thema in der Band defintiv mal ansprechen. Vielleicht nehmt ihr für die nächste Tour einfach eine Aushilfsgitarristen, so dass du in dieser Zeit deine benötigte Auszeit nehmen kannst? Und selbst wenn du aussteigst, hat man mit deinen Kontakten und Fähigkeiten doch sicher gute Chancen in der Musikszene, besipielsweise als Booker oder wegen mir auch als Gitarrenlehrer.

10.03.2015, 16:32 Uhr     melden


127302 aus Deutschland

Du musst ja nicht gleich aussteigen. Macht doch einfach mal eine "kreative Pause", machen ja viele Künstler heutzutage.

10.03.2015, 17:36 Uhr     melden


Tonelock

Oooh jetzt würde mich doch echt mal interessieren von welcher Band die Rede ist... @Beichter: Gönn dir nach dem nächsten Album mal ne Auszeit soweit möglich, sprich in Ruhe mit Bandkollegen und Manager/Produzenten (kp. wer da wichtig ist), da du wichtiger Teil der Band bist haben alle ein Interesse daran dass du weitermachst und dich wohl fühlst und so wird sich doch wohl eine Einigung finden lassen.

11.03.2015, 11:46 Uhr     melden


gemmakaffeetrinken aus Wien, Österreich

Kann es möglich sein, daß die Band energetisch an Dir *aufgehängt* ist? Das würde erklären, warum Du so antriebslos bist und außerhalb der Band es zu nix bringst. Du mußt Dich tiefer erden, tiefer als die anderen. Ein Nichtstun*Aufenthalt am Meer, abseits von überfüllten Tourismusorten, könnte Deine Energie auch wieder etwas in Balance bringen.

29.05.2015, 17:28 Uhr     melden


Troy2017 aus München, Deutschland

Der letzte Kommentar ist das Dümmste, was ich je hier lesen durfte.

03.06.2018, 20:20 Uhr     melden


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